Hamster

Pausbäckig, flauschig-gestoppelt fühle ich mich äußerst klein – nein, winzig. Ich, der Hamster, in der Tretmühle einer Behörde. Viertel vor zwölf springe ich mit meinen tapsigen Füßchen das erste Mal auf den Tasten des Telefons, hechele zur Muschel und lausche den OldSkool-80er-Synthesizer-Klängen der Warteschleife. Die gibt‘s zur Belohnung, wenn ich, gehetzter Hamster, die Ansage mit dem freundlichen Hinweis, mir Informationen auf der Website zu holen, über mich habe ergehen lassen. Gut, die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung kann ja nicht wissen, dass ich bereits wieselflink über die Tasten huschte und ein www.********************.de in die Adresszeile meines Browserfensters geklopft habe.

Dann auf die Maus gesprungen, was einem Hamster nur halb so viel Freude bereitet, wie zu erwarten wäre, und beim anschließenden Versuch, das Kontaktformular bis zur Telefonnummer durchzuscrollen, glatt drei Male von der Maus gestürzt wäre. Kann die Frauenstimme nicht wissen. Vermutlich weiß sie auch nicht, dass ihre Website zwar eine hochtrabende E-Mail-Adresse mit auskunft vor dem @ hat, man dort aber eigentlich gar keine Auskunft bekommt. Denn: Der elektonische Mailverkehr (Was ist denn Mailverkehr? Und was ist das besondere an elektronischem? Ist das was Verschweintes?) ist noch nicht ausreichend sicher. Ach ne. Das bringt die komplette Hamsterwelt zum Schwanken. Ups, war doch nur die leichtläufige Maus.

Und weil das mit dem elektronischen Mailverkehr so ist, können Mails mit persönlichen Daten ebenso wenig verwendet werden, wie Mails mit gesetzlich vorgeschriebenen Meldungen. Nun reicht der Horizont des Hamster nicht bis zu den gesetzlich vorgeschriebenen Meldungen. Wohl aber zu der Vorstellung, er schippere auf einer Scholle der untergehenden Sonne entgegen – und immer dann, wenn er soooo kurz davor ist, sie im Meer untergehen zu sehen, reißt ihn das Ende des Wartemelodie-Loops aus den Träumen und die Seefahrt beginnt von vorn. OldSkool-80er-Synthesizer-Klänge eben.

Nach vier Minuten und 24 Sekunden ist Schluss mit lustig. Keine Musik mehr. Aber auch kein Servicemitarbeiter. Zehn vor zwölf, die Tortur beginnt aufs Neue. Zuerst bei der Sachbearbeiterin versuchen, besetzt. Dann bei der Vermittlung. Warteschleife – und ob ich nicht doch einen Blick auf die Website werfen wolle? Ja, schön. Neues Design, schick. Hättet ihr aber auch in einen zusätzlichen Arbeitsplatz investieren können. Hamster hüpft auf der Maus umher, schiebt sie an, springt auf den Button mit den Darstellungsoptionen. Will ja nicht schon wieder einen bösen Trip auf einer Scholle fahren. Zeitvertreib muss her. Toll, normale Schrift, mittlere, große und sehr große. Uh, gefährlich, die Buchstaben erschlagen einen förmlich. Guggemoldo, ohne Bilder. OHNE BILDER, ich will die Frau, die mir mit dem Headset entgegen lächelt nicht mehr sehen – scheint ja heute frei zu haben. Ohne Bilder klappt aber nicht. Ist nicht die erste Enttäuschung des Tages.

Ende der Warteschleife. Dieses Mal nach sechs Minuten 17. Und, Hamster will schon fast auflegen, doch noch eine andere Stimme am Ohr. Hamster trägt sein Anliegen vor, etwas zittrig in der Stimme. Schließlich wird ihm bewusst, wie klein er doch im Vergleich zur Frau am anderen Ende der Leitung sein muss. Und wie leicht sie den Hörer einfach auflegen könnte. Tut sie nicht. Helfen aber auch nicht wirklich. Ob ich eine Durchwahl hätte? Uh, Fangfrage. Sage ich, ich habe eine, verbindet sie mich. Sage ich, ich habe keine, verbindet sie mich.

Sie verbindet mich. Versucht es. Ist besetzt. Habe ich ihr auch schon ins Ohr gehaucht. Noch ist nicht aller Tage Abend und wir haben noch zwei Minuten bis zwölf. Also bekomme ich eine neue Durchwahl unter der ich es versuchen könnte, aber nur noch bis zwölf. Dann solle ich es bitte morgen wieder versuchen. Gute Frau, wir haben eins vor zwölf, danke für den Hinweis, aber jetzt mal Butter bei die Fische, unter welcher Nummer darf ich denn morgen versuchen, Kontakt zu ihrem ehrenwerten Haus aufzunehmen? Aha, die altbekannte Durchwahl, danke für das Gespräch. Hamster bedankt sich immer, ist ja ein Hamster alter Schule. Hetzt die soeben erhaltene Durchwahl ins Telefon – noch läuten keine Glocken, noch setzt nicht das Nachrichtenjingle ein.

Zu spät, war ja klar, dass keiner mehr rangeht. Würde ich, 40 Sekunden vor zwölf, wohl auch nicht machen. Sieht man das allerdings in Relation – und zwar, dass Hamster seit einem guten halben Jahr auf eine Antwort der Behörde wartet, dann hätten sie ruhig die 40 Sekunden haben können. Und wenn man dann noch die Lebenserwartung eines Hamsters vergleicht mit der Zeit, die eben schon auf ein Schreiben gewartet wird. Au weia. Selbst wenn Hamster nicht in der Obhut kleiner Kinderhände ist, kein Staubsauger und kein Teppichboden weit und breit sind – selbst dann wird es heikel. Hilft aber nichts, noch schnell etwas Energie anfuttern und morgen wieder auf die Tasten springen. Vielleicht verstehen sich Maus und Hamster dann auch besser – we will see.

Achtung: Satire! Keine Satire hingegen ist, dass, wenn der Anschluss besetzt ist, nicht etwa dieses ausnahmsweise sinnvolle Tool einspringen würde. Na, ihr wisst schon, das, das automatisch eine Verbindung zwischen eurem und dem angewählten Anschluss aufbaut – sobald dieser wieder frei ist. Nein, hier ist alles noch Hand-, ich korrigiere, Füßchenarbeit. Oder eben Glücksspiel.

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