Vergiss alles!
Das ist Mal ‘ne Party mit Ansage. Und sie sollte halten, was sie versprach. Wenngleich ich meinen Teil dazu schon im Vorfeld beitrug: Vollkommen nackt – an den Händen. Kein Ring, kein Armband, keine Uhr. Wann war mir das beim Ausgehen zuletzt passiert? Ich weiß es nicht. Bis auf die fehlende Uhr spielte es auch keine Rolle. Die sollte sich im Verlauf des Abends jedoch noch als die Hauptrolle heraus stellen.
Die Location war mir nicht ganz fremd, das Kellergewölbe hatte ich bereits bei einer anderen Veranstaltung schätzen gelernt – die verhältnismäßig hohen Decken mehr als die bescheidene Anlage. Doch hier zeigten die Organisatoren ihre Erfahrung: Anlage gemietet, die mein Herz nicht außer Takt schlagen ließ. Normalerweise braucht es stets etwas Zeit, bis ich mit einer Party warm werde. Nicht so dieses Mal. Beat und hunderte schwitzender Leiber sorgten dafür, dass die Klamotten tatsächlich zur zweiten Haut wurden – ob sie sollten oder nicht. Ein schweißtreibender Abend kündigte sich an. Egal was gespielt wurde, die Tanzfläche war immer brechend voll. Attraktive, gut gelaunte Menschen, die einfach Party feierten. Wonderful!
Je länger die Nacht wurde, desto tiefer sank die schweißgetränkte Jeans. Zum Rhythmus der Musik fegte ich den Boden unter meinen Füßen – that‘s for free. Und dann kam er doch, der Moment des Aufbruchs. Jedenfalls, wenn ich die Zeit richtig einzuschätzen gewusst hätte. Hatte ich nicht. Und so empfang mich die kühle Nacht viel zu früh. Sie war noch jung, jünger als erwartet und die nächste Bahn noch fern. Was spräche also gegen einen spontanen Kneipencheck? Nichts. Und noch weniger, wenn sich vom Tresen aus die Uhr am Bahnsteig im Blick halten lässt. Bei einem wärmenden Cappuccino wird der Platz auf dem Hocker gleich heimelig. Was gibt‘s hier denn noch so? Eine gut sortierte Bar – Galliano, Absinth und jede Menge Klassiker. In ihrer Mitte, eine Packung Kopfschmerztabletten. Ich bleibe beim Cappuccino und lasse meinen Blick weiter wandern. Bis zum Widescreen. Nun findet der Abend noch seinen surrealen Abschluss, denn über den Bildschirm laufen leichtbekleidete Frauen. Sie wandeln die Showtreppe hinab, posieren vor den Männern in Anzügen mit ihren 50er-Jahre-Brillen. Peu à peu legen die Frauen weitere Kleidungsstücke ab, sind aber im Vergleich zu nächtlichen TV-Quiz-Sendungen noch äußerst zugeknöpft. Das Ganze spielt sich in schwarz-weiß und ohne Ton ab. Burlesque, sagt das Logo, das rechts unten eingeblendet ist. Und „burlesque” ist auch der Begriff, den ich tags darauf google, denn alles habe ich doch nicht vergessen. Auch nicht den rechtzeitigen Blick auf die Uhr am Bahnsteig.