Konversationen auf der Straße
Tag 1: „Entschuldigung, bitte nicht böse sein, aber darf ich Sie fragen, wo sie ihren Kaffeebecher her haben?” – Klar darf sie fragen. Wieso sollte ich böse sein? Hatte vielleicht noch mein Oh-wie-früh-ist-dieser-Morgen-schon-wieder-Gesicht auf. Und die Antwort, dass der Becher aus Dublin sei, dürfte nicht hilfreiche gewesen sein, wohl aber der Hinweise, dass es ähnliche Becher mittlerweile in jedem Coffeeshop gibt, z.B. keine 150 Meter weiter im Starbucks.
[Scheine heute noch einige „e” über zu haben, will wer?]
Tag 2: „Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo die nächste Bank ist?” – Eine bestimmte? Nein. Die Bank muss nur nahe gelegen sein, nur zehn Euro, für die Praxisgebühr. Jetzt konzentriere auch ich mich auf ihren deutlichen Sprachfehler und weise sie an die nächste Bank, wieder keine 150 Meter entfernt.
Tag 3: „Kennen Sie hier eine Kirche?” – Nanü, Mal was Neues. Klar kenne ich eine und weise den Weg. Mehr als 150 Meter. Wer sucht denn so mirnichtsdirnichts eine Kirche, irgendeine Kirche? Später lese ich auf Arbeit dann dieses hier – zum Glück mehrere Kilometer entfernt.
Tag 4: „Wie komme ich denn zur XYZ-Straße?” – Kein Plan, was soll denn da sein? Oh, Fußpflege. Ähm, ja, muss ich passen, tut mir Leid, dass sie jetzt rot werden, probieren sie es Mal um die Ecke, mehr als 150 Meter werden es nicht sein.
Tag 5: „Hast du Mal 10 Cent zum Telefonieren?” – Nein. Keine 150 Meter weiter. „Hast du Mal 70 Cent für ‘ne Capri Sonne?” – Äh, nein, oder wechselst du? „Unglaublich, wie geizig die Menschen sind.” Na, ganz so geizig scheinen nicht alle zu sein, schließlich sitzt du hier abends am Ebertplatz, mit Bier und qualmender Zigarette. Keine 150 Meter vor meiner Haustür. „Hast du etwas Geld?” – Hm, heute stand wohl auf meine Stirn geschrieben: Schnorrt mich an.
Tag 6: „Hast du ‘n bißchen Kleingeld?” – Nein. Auf dem Rückweg. „Hast du ‘n bißchen Kleingeld?” – Nö, immer noch nicht. Sollte meine Stirn gründlicher waschen.
Tag 7: „Hier hast du meine Nummer, ruf mich an, wenn du einen Trinken gehen willst.” – Oh shit, wieso ist der siebte Tag ein Sonntag, den ich genüßlich in den eigenen vier Wänden verbringe?