Der ganz normale Wahnsinn.

Keine zehn Minuten unter Menschen, noch nicht einmal in der Bahn, schon tauchen sie auf. All die Mitmenschen, die mir den ganz normalen Wahnsinn vor Augen führen.

Charlie Chaplin, der gerollte Dachpappe geschultert hat, die Pfeife im Mund trägt und bekundet, eigentlich Nichtraucher zu sein macht den Anfang. Für den Gehstock ist in seinen Händen kein Platz mehr, doch davon abgesehen spielt – oder lebt – er seine Rolle überzeugend. Gerne würde ich seinen Ausführungen mehr Beachtung schenken, doch schon drängt sich die Dame, die neben der aus der Station Friesenplatz führenden Rolltreppe lebt in mein Sichtfeld. Vermutlich dürfte ihr Schlaf diese Nacht und diesen Morgen, vielleicht auch Mittag, tiefer ausfallen, stehen doch neben ihr anderthalb geleerte Flaschen Rotwein und eine 0,5er Flasche Kölsch.

Ich biege um die Ecke, wohl darauf bedacht, weder in eine der Pfützen, noch auf ihre ausladend platzierte Decke zu treten. Eilig geht es die Stufen hinunter. In der ersten Ebene herrscht für sonstige Verhältnisse ein Großaufgebot an KVB-Mitarbeitern und Polizei. Einer der Polizisten gibt einem KVB-Mitarbeiter eine Beschreibung, deren Kernbestandteile ich widergeben will: alter Mann, grauer Bart, so wie Dracula.

Na, die Beschreibung passt zumindest thematisch in den Roman von Christopher Moore, den ich gleich in der Bahn weiter lesen werde – dachte ich. Doch ich sollte in „Lange Zähne” nicht über den ersten Absatz auf Seite 345 hinaus kommen. Zu schwer fällt es mir, meine Konzentration für die Beschreibung des Inneren des Narrenschiffs aufrecht zu halten, wenn die Frau neben mir sich mit sich selbst über Kosmetikerinnen unterhält. Und gelingt es mir doch, ihr laustark geführtes Selbstgespräch auszublenden, dann doch nur bis Erzählung einer alten Frau über ihre Operationen an mein Ohr dringt.

Der ganz normale Wahnsinn eben. Und dem setze ich mich schon auf den Tag genau seit zwei Jahren aus. Da werden Maßstäbe neu definiert, Grenzen verschoben und stehen Wanderprediger, die alle paar Wochen vor der Schule auftauchten, plötzlich in einem ganz anderen Licht.

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