Back in town

Tag 1: Vor meiner Haustür steht ein Mann in Netzstrumpfhose, knapper schwarzer Hose und transparentem Netzoberteil. Das wird von Passanten zu einem kurzen Fotoshooting genutzt. Ich beeile mich durchs Bild zu huschen, ehe der Auslöser der Handykamera gedrückt wird und werde nach dem Einkaufen durch einen Flyer an der Pinnwand im Treppenhaus aufgeklärt: Mit der Aktion wird gegen die Diskriminierung 30-jähriger, weißer Pornodarsteller demonstriert. Back in town eben.

Tag 2: Ungewohnt früh steuere ich auf den Rudolfplatz zu und rausche geradewegs in ein Kamerateam hinein. Für gewöhnlich interessieren sie sich nicht für mich. Irgendwas scheint an diesem Tag ihre Aufmerksamkeit auf mich gelenkt zu haben. Aber, sorry Jungs, nicht um kurz vor 11 Uhr morgens. Elegant winde ich mich zwischen den drei Männern und der Toiletten-Litfaßsäulen-Kombination hindurch, gebe ein kurzes „Ich muss zur Arbeit.” von mir und bin darauf bedacht, mein Gesicht nicht in Richtung Kamera zu halten. Gut, dass sie ein Funkmikrofon statt ein kabelgebundenes genutzt haben. Andernfalls wäre ich nicht so elegant aus der Situation heraus gekommen. Was bleibt ist die Frage: Wieso ich? War ich einer repräsentativen Zielgruppe gerecht gekleidet? Oder erweckte ich den Eindruck, als wüsste ich nicht, wie unsere Bundeskanzlerin mit Vornamen heißt? Ich werde es nicht mehr heraus finden. Doch das nächste Kamerateam kommt bestimmt. Back in town eben.

Tag 3: Vormittags an der Haltestelle Friesenplatz. Die Bahn lässt auf sich warten. Und warten, warten, warten. Der Bahnsteig füllt sich. Unter anderem mit einer großen Gestalt. Etwas kräftig gebaut für die schwarzen Netzstrümpfe und den verflixt knappen Jeans-Mini. Nicht zu vergessen das schwarz-transparente Oberteil, durch das der BH hindurch schimmert knallt. Blondes, schulterlanges Haar. Ich würde sagen: Out-of-Bed-Style. Schwupps, keiner nörgelt mehr über die verspätete Bahn, alles blickt auf die Gestalt. Noch habe ich mir kein abschließendes Urteil bilden können, ob Mann oder Frau. Dafür wird sie oder er nun Zielscheibe der Lästereien und Nörgeleien. Die Bahn kommt, ich nehme eine andere Tür, nicht jedoch, ohne der Lösung des Rätsels mit einem Seitenblick auf den Grund gehen zu wollen. Patt-Situation. Gesicht: Mann. Oberweite: Frau. (Man beachte die Reihenfolge.) Die Auflösung bringt eine Dame, die es nicht bei leisen Lästereien belassen konnte, sich offensichtlich von dem Anblick belästigt fühlte und dies auch kundtat. Wenn ich dem sich daraus entspinnenden Dialog trauen darf, dann sogar mit einer Ohrfeige – was bei dem zu berücksichtigenden Größenunterschied eine auffällige Leistung wäre – quittierte. Es folgt ein kurzes Wortgefecht, bei dem der Gesamteindruck von Gesicht, Statur und Oberweite um die Stimme erweitert wird. Alles klar. Die Dame wird nun als Ar***loch tituliert und zieht sich mit den Worten „Ich muss hier weg, sonst kriege ich noch einen Anfall” in den hinteren, in meinen Teil der Bahn zurück. Back in town eben.

Allerdings bin ich Männern in Mini-Röcken bereits in Koblenz begegnet. Aber das ist eine andere Geschichte. Was ich jetzt doch gerne noch wissen würde: Spreche ich von einem Transsexuellen oder einer Transsexuellen? Richte ich mich nach dem vorherigen oder nach dem aktuellen Geschlecht?

Nachtrag: Wikipedia schlägt Transfrau vor – bzw. Frau. Oder eben so. Accepted.

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