Der Sonntagmorgen
So richtig vorstellen konnte und wollte ich es mir nie. Langsam sehe ich dann doch der Tatsache ins Auge, dass ich zu einem Freund, einem wahren Anhänger des Sonntagmorgens geworden bin. Einst kam ihm nur die Bedeutung zu, sich von den viel zu kurzen Nächten, insbesondere der Samstagnacht, davor zu erholen. Fünfe gerade sein zu lassen, sich nochmals und nochmals umzudrehen, erneut in der Bettdecke zu verheddern, einen Augenaufschlag, nur um anschließend mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen wieder ins Reich der Träume zurück zu kehren.
Nicht so heute und an einigen Sonntagen zuvor. Heute aber, da freute ich mich gar schon am Samstagabend zuvor auf diesen Sonntagmorgen. Schloss die Augen gegen 22 Uhr, wurde durch die Nachhausegänger kurzzeitig aus dem Schlaf gerissen und erwachte dann durch die aufgehende Sonne und, neben vereinzeltem Vogelgezwitscher, einer himmlischen Ruhe.
Will man in der Stadt wirkliche Ruhe haben, dann bleibt einem nur der frühe Sonntagmorgen. Sechs Uhr war es. Die Fenster aufgerissen, die kühle, unverbrauchte, abgasarme Luft in die Wohnung strömen lassen. Ein Hongkong-Hörbuch in die Stereoanlage gelegt. Die Espressomaschine auf Betriebstemperatur kommen lassen. Mit Wassermelone, Ananas, Kiwi und Erdbeeren gefochten. Am Ende des Hörbuchs auf Saxophon-Balladen umgestiegen – und auf frischgepressten Orangensaft.
Eigentlich habe ich schon wieder eine entspannte Bettschwere erreicht. Doch noch gilt es mein offen stehendes Fenster gegen allzu kecke Tauben zu verteidigen. Und die verbleibenden Minuten, ehe die restliche Stadt zum Leben erwacht, zu genießen.
Nachtrag: Stadt ist erwacht und swingt mit. Zumindest hat es in meinem Viertel den Anschein. Der Kontrabaß wird gezupft, die Besen huschen über die Snare.