Tschö 2008, war schön mit dir.

Hm, wenn ich mich jetzt noch entsinnen könnte, ob die Gedanken, die ich damals hatte, tatsächlich etwas mit der Realität ein halbes Jahr später gemein hatten. Das wäre zu schön. Ich muss jedoch gestehen, ich weiß es nicht mehr. Das Jahr flog schnell vorüber. Gravierende Veränderungen gab es keine. Von all den kleinen werde ich auch nun nicht berichten.
Schon in den ersten Stunden des neuen Jahres stelle ich die Zivilcourage der Kölner auf den Prüfstand. 50 Prozent bestehen, 50 Prozent fallen durch. Und beim unfreiwilligen Rechtschreibtest, den ich mir und den Lesern dieses Blogs auferlegt habe, bleiben die Reaktionen aus. Erst jetzt fällt mir der Tipper in diesem ersten Beitrag des Jahres 2008 auf.
Ich lasse mich von einer auf mich herab fallenden Rohrzange nicht weiter aus der Ruhe bringen. Wer schon einmal um Haaresbreite einem umstürzenden Regal in der IKEA-Selbstbedienungshalle entkommen ist, der fürchtet auch keine Rohrzangen.
Furchtlos stürze ich mich hingegen in zwei Dates und weiß nach dem zweiten nicht, ob ich mein bisweilen bescheidenes Namensgedächtnis oder das Internet mit seinen nicht eindeutigen Identitäten verfluchen soll. Amüsant waren beide Abende. Auf ihre Art. Erfolgreich im Sinne von Vollzug meldend zum Glück nicht.
Statt die Zweisamkeit zu zelebrieren stoße ich mit mir und den Besuchern der Nubbel-Verbrennung vor der Haustür auf mein 2-Jähriges an. Nach etlichen Jahren des Lebens aus Umzugskisten, des regelmäßigen Ortswechsels, scheine ich mich doch der Sesshaftigkeit hinzugeben.
Mit meinem notgedrungenen Auftritt vor und hinter der Kamera zugleich polarisiere ich: persönliches Lob auf der einen Seite, anonyme Beleidigungen auf der anderen.
Zudem erfährt die Pater-Noster-Premiere aus dem November 2007 eine Fortsetzung im Hansa-Hochhaus.
Neues Terrain betrete ich als sich mir die Türen eines Puffs öffnen. Der Dreh erfordert mehrere Termine und so werde ich beim zweiten Besuch auch mit den Worten „Na, schon wieder da?” begrüßt. Auf allen Vieren krieche ich in den hauseigenen Darkroom und bediene mit größter Sorgfalt die Lichtschalter.
Ein weiteres Mal wird meine Neugierde befriedigt als ich auf dem Beifahrer-Sitz eines gelben Hummers Platz nehmen darf und in einer mir bis dato unbekannten Kölner Cruising-Area zur Offroad-Tour angesetzt wird.
Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, tue ich das Richtige und richte meine Kamera auf Sprecher und den daneben Sitzenden. Noch nicht ahnend, dass das soeben abgedrehte je einem Millionenpublikum vorgeführt werden würde. Wird es aber.
Ich habe meinen ersten Auftrag als Fotograf in Extrem-Situationen – das Akt-Fotoshooting Jahre zuvor fiel dem nicht vorhandenen Equipment zum Opfer – und halte mit der Handy-Knipse zwei pubertierende Jungs neben ihrem soeben errichteten Schneemann fest. Monate später stelle ich die ruhige Hand und das professionelle Auge bei 36 Grad in der Namib-Wüste mit zwei Badelatschen tragenden Österreichern unter Beweis.
Mit einem wohl überlegten Handy-Kauf rüste ich mich für die Zukunft und setze Anfang April noch meine bislang größte Investition oben drauf.
Der Frühlingsbeginn zeigt sich von seiner schönsten Seite und auch die Menschen sind bemüht sich heraus zu putzen. Einige ziehen meine Aufmerksamkeit durch ihren Duft auf sich, andere indem sie auf der Straße die Zähne putzen. Und wieder andere durch eine zu lautstarke Ausübung ihrer Profession. Das aus dem Gebäude dringende Stöhnen führt zur Unterbrechung eines Interviews. Wenig später ist auch dieser Akt vollendet und auf meiner nicht vorhandenen Liste kann ich den nicht vorhandenen Punkt eines Saunaclub-Besuches abhaken.
Ein Kollege nimmt mich dankenswerterweise nach der Arbeit mit nach Hause – in seinem Qashqai – und weckt dadurch in mir den Wunsch nach einer noch größeren Investition. Statt diesem nachzugeben entfliehe ich für ein paar Tage den Konsumtempeln der Stadt und begebe mich in ländlichere Gefilde.
Währenddessen fiebert ganz Köln dem Aufstieg des FC entgegen und darf ihn letztlich auch zelebrieren. Statt auf den Ringen und inmitten der Fans sitze ich am Mainufer und genieße mit Freunden einen seltenen Abend, der mich in mein 28. Lebensjahr führt.
Zurück in Köln lässt mich der Daum-Vertragsverlängerungs-Marathon im Zeitraffer um einiges altern, aber auch an einer Sternstunde des Online-Journalismus teilhaben.
Zwei Männer in Netz-Oberteil bzw. -Strumpfhose sind sich noch meiner Aufmerksamkeit sicher. Der eine demonstriert vor meiner Haustür gegen die Diskriminierung 30-jähriger, weißer Pornodarsteller. Der andere, im Jeans-Mini, liefert sich in der Bahn mit einer älteren Frau ein ordentliches Wortgefecht.
Zur Fußball-EM findet man mich auf den Fan-Festen. Tore sehe ich kaum, schließlich stehe ich mit dem Rücken zum Geschehen auf der Leinwand hinter mir, dennoch habe ich stets im richtigen Moment die Kamera auf die Emotionen der Zuschauer gerichtet. Auch dann, wenn diese ihre Emotionaliät an den auf die Leinwand projezierten Sportler auslassen. Von Küssen und versuchten Umarmungen bis zu wilden Schlägen gegen das zum Ende arg gebeutelte Stückchen Stoff. Alles im Kasten, auch dann als die Heizpilze umzukippen drohen und die Bartische in Kleinholz verwandelt werden. Ehe mir das zu bunt werden kann finde ich mich im Fliege. Dabei gelingt es mir, in den Liegen der ersten Klasse meine Schulter auszurenken – zu viel Komfort lässt rosten. Kann mir aber nichts, denn ein weiteres Mal geht’s hoch in die Lüfte und im Heli über die Niagarafälle. Rechtzeitig zum Finale bin ich zurück und erweitere mein hiesiges Kneipen-Knowhow um einen schnuckeligen Spanier.
Im Juli werfe ich mich einer Schlange an den Hals, naja, tendenziell eher umgekehrt. Rainer ist erstaunlich kühl, verflixt schwer und offensichtlich gerade dabei, in seinem langen Körper etwas zu verarbeiten. Ich gehe davon aus, dass es sich um ein schweres Mittagsmahl handelt, das ihm, äh, eigentlich ihr, noch im Magen liegt. Die davon optional ausgehende beruhigende Wirkung hält sich meinem Blick zu Folge in Grenzen.
Nach Jahren breche ich mit einer Tradition. Keine brechend volle Location, keine zum Brechen schlechte Luft, kein angebrochener Morgen beim Verlassen des Geländes. Dafür ein Abend, der genau so und nicht anders hätte sein sollen.
Ein Dreh-Termin führt mich freundlicherweise auf ein Parkhausdach und letztlich zu diesem Foto:
In der Post findet sich ein Brief von offizieller Stelle, der mich über meine Namensänderung informiert.
Mit meinem Handy sende ich aus meiner Küche einen Video-Live-Stream ins Internet.
Auf einer Hochzeitsfeier werde ich von einer lebensmüden Biene attackiert, in den Gesichtern der um mich stehenden macht sich Sorge breit. In meinem nicht. Die Biene sitzt an meinem Hals außer meiner Sichtweite.
Beim Verlassen des Hauses begegne ich einem lebensgroßen, weißen Hasen mit Brüsten.
Die Nachfrage, ob ich denn ein Navi hätte, oder haben möchte häufen sich. Ich bleibe standhaft und verlasse mich weiterhin auf meine Intuition, meine Pünktlichkeit bei beruflichen Terminen und die Geduld meiner Freunde.
Einen Tag beende ich mit dem HTML-Tag < / sexy>. Kann passieren, nachdem man einer Burlesque-Show beiwohnte.
Ich entgehe nur knapp der Attacke eines offensichtlich irren Radfahrers und beschließe meinerseits wieder aufs Rad zu steigen – ein direkter Zusammenhang besteht und bestand zu keinem Zeitpunkt. Rachegelüste liegen mir fern.
Damit grenze ich mich von einer Horde von gut 30 jungen Menschen ab, die gezielt Jagd auf einen machen, dem in ihrer von Hass und Gewalt vernebelten Sicht ein Täter auf die Stirn tätowiert ist. Und da sie es sind, die vermeintlich über Gut und Böse zu richten haben, soll er zu ihrem Opfer werden. Kranke Welt.
Ich bereite anderen durch mein plötzliches Erscheinen eine Überraschung, wenn nicht gar eine Freude, und verkalkuliere mich beim Versuch, mir von anderen etwas ausreden zu lassen. Alle eingeholten Stimmen votieren für „Ja, mach es!” – also mache ich es…
Und finde mich kurze Zeit später auf dem afrikanischen Kontinent wieder. Gut zwei Wochen reise ich durch den Süden Afrikas. Werde von Geparden abgeschleckt, opfere meine Bankkarte nach nur sechs Stunden an den Geldautomaten und bin nach der dritten Sternschnuppe wunschlos glücklich.
Zum Abschluss des Jahres komme ich dann noch zu dem Privileg, Zeit für Familie und Freunde zu haben. Keine Erkältung durchkreuzt meine Pläne. Danke. Danke 2008, war schön mit dir. Und willkommen 2009.