Abenteuer Afrika – Teil I

Rudi Carrells „Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer” tönt bereits zum dritten Mal aus den Bordlautsprechern der Air Namibia Maschine. Weitere Heimatlieder spielen in einer Endlosschleife während wir darauf warten, dass die Tragflächen enteist werden und wir endlich gen Süden abheben. Der Burger, den ich mir, um die Wartezeit am Flughafen zu überbrücken und den Hunger zu stillen, reinzog, liegt schwer im Magen. So schwer, dass ich sofort einschlafen könnte, wären da nicht die Beleuchtung in der Kabine und die Forderung nach einem richtigen Sommer, dem ich doch schon seit einer Stunde entgegen fliegen will.

Und wie ich mich dafür ins Zeug gelegt habe. Alles just in time geschafft. Im Schneechaos den passenden Zug erreicht, blitzschnell bei der Vergabe der wenigen Sitzplätze reagiert, zügig das Gepäck aufgegeben, um nicht länger einen Trolli durch die Wartehallen schieben zu müssen, mit dem Skyrail zum Terminal B, mal eben den Pass vorgezeigt und ausgereist, einzig und allein, um an einen Burger zu gelangen. So einen Aufwand betrieb ich dafür auch noch nicht. Immerhin wünschte mir die Dame an der Kontrolle einen guten Hunger, wenngleich sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Dann durch das Terminal B geirrt, auf der Suche nach einem Weg zurück zu Terminal A. Die Zeit zum Check-In rückte näher. Irgendwann, nachdem ich mich von dem Gedanken gelöst hatte, dass Hinweg gleich Rückweg sein würde, erreichte auch ich den Check-In. Zunächst die Sicherheitskontrollen. Trotz meiner piepsenden Füße durfte ich weiter. Thanks for that.

Und wozu all das? Um jetzt am Flughafen im Flieger fest zu sitzen und richtig viel Zeit zu haben, sich über Flugzeuge und deren Sicherheit Gedanken zu machen. Na, Dankeschön. Spätestens als die Turbinen loslegen und mich der Schub in den Sitz drückt sind aber auch die vergessen. Nur gut, dass ich seit meiner Roller fahrenden Zeit das Gefühl von Beschleunigung unter meinem Hintern mag.

Die nächste Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten, ist in der prallen Mittagshitze des internationalen Flughafens von Windhoek, wo wir mit gut einer Stunde Verspätung landen. Einmal durchchecken, meine Füße piepsen immer noch, doch das stört niemanden. Rein in den nächsten Flieger, der freundlicherweise auf uns und unser Gepäck gewartet hat und weiter geht‘s über unglaublich karge und doch atemberaubende Landschaften gen Südafrika. Je näher wir dem Ziel kommen, desto mehr kreisrunder Felder sind zu sehen. Irre Muster.

Der Landeanflug auf Kapstadt wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Über eine Bergkette hinweg, dann ein Villenviertel mit Sicherheitszäunen und großzügigen Pools. Es folgen etwas weniger ausladende Häuser, kleinere Gärten, kleinere Pools. Dann verschwinden die Pools. Als nächstes die Grundstücke ringsherum. Die Mauern fallen, die von Ziegeln gedeckten Dächer weichen Wellblechen mit Autoreifen und Badewannen darauf zur Beschwerung. Längst sind keine geteerten Straßen mehr zu erkennen. Je wilder der Baustil wird, je einfacher die Konstruktionen, desto näher kommen wir ans Flughafengelände, desto tiefer fliegen wir. Bis wir schließlich über Barracken hinweg ziehen, die direkt am Zaun des Geländes stehen, und zur Landung ansetzen.

Zur Verspätung, die wir schon aus Deutschland mitbrachten, gesellt sich nun noch die Wartezeit an der Passkontrolle. Mein Shuttle-Service ist bereits weg. Jedenfalls erblicke ich weit und breit kein Schild mit meinem Namen darauf. Das erste Taxi-Angebot schlage ich aus. Den ersten Private-Shuttle-Preis auch. Beim zweiten willige ich ein – das Shuttle ist derweil gut gefüllt, ein drittes Angebot würde es nicht geben. Und so geht es vorbei an einem Gebäude, das wie ein Atommeiler aus Holz anmutet, und der Baustelle des künftigen Fußballstadions in die Innenstadt. Kurvenreiche Fahrt, Hügel rauf und runter. Schnuckelige Häuser, einige knallbunt gestrichen, einige im Stil der Häuser in Övelgönne. Hübsch. Rund um mein Hotel dominieren dann eher protzige Bauten der Banken. Doch in die Fußgängerzone ist es nicht weit.

Beim Anblick des Kingsize-Bettes kann ich dann doch nicht widerstehen, werfe mich quer darauf und nicke weg. Anderthalb Stunden später, ausgeruht und erfrischt, starte ich zu einer Erkundungstour und lerne meine erste Lektion: Nach 18 Uhr herrscht hier tote Hose. Einzig Menschen mit Warnwesten, auf denen Public Safety zu lesen steht, patroullieren vor den geschlossenen Geschäften. Ich wähle einen der Geldautomaten, schiebe meine Karte hinein, arbeite mich durch das Menü und warte. Warte. Warte. Warte auch dann noch, als der Bildschirm schwarz wird und das System von neuem hoch fährt. Warte immer noch. Ein junger Mann gesellt sich hinzu, zusammen warten wir. Irgendwann empfehle ich ihm den anderen Automaten und er empfiehlt mir, die Notfallnummer anzurufen. Mit meinem Handy komme ich jedoch nicht weit, zumal ich mir nicht die internationale Vorwahl Südafrikas eingeprägt habe. Er wählt die Nummer auf seinem Handy an, reicht es mir weiter und die Dame am anderen Ende der Leitung meint, bei einer europäischen Karte könne das länger dauern.

Ich warte nun nicht länger und klingle in der Heimat durch. Gebe die Kartennummer an, den Automaten und lasse meinen Vater die Karte sperren. Okay, so hatte ich mir den Urlaub nicht vorgestellt, aber gut. Auf meinem Weg kreuz und quer durch das Bankenviertel werde ich noch von zwei jungen Männern angesprochen, ob ich ihnen etwas Geld geben könnte. So überzeugend wie in diesem Moment habe ich es noch nie verneint. Sie bohren nicht weiter, der eine sagt nur „Okay, Miss, dann vielleicht nächstes mal”. Ja, vielleicht nächstes mal.

Ich bin durstig, so gut wie blank und möchte in diesem Zustand nicht zu einem überteuerten Getränk aus der Mini-Bar greifen. Noch weniger will ich aber über die Straße gehen und das Gelände des Hauptbahnhofs betreten. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die ganzen Sicherheitsleute und die Überwachungskameras auf der einen Seite der Straße und das wuselige Treiben rund um den Hauptbahnhof bewusst voneinander getrennt sind und ich hier dann doch auf der richtigen Seite der Straße bin. Ich besinne mich auf meine Kreditkarte, versichere mich, dass ich mit ihr zahlen könne und lasse mir einen Cappuccino aufs Zimmer schreiben.

Keine sechs Stunden ist das Abenteuer Afrika zu diesem Zeitpunkt für mich alt. Und doch werden noch zwei Wochen folgen. Irgendwie.

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